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Foto: Stefan Enzler von KMUdigital
6 Min. Lesezeit

Blended Learning in KMU: Von kultureller und technischer Revolution [Interview]

Laura Evers
Mi., 30.10.2019

Immer mehr große Unternehmen setzen für die Weiterbildung auf Blended Learning. Doch auch kleine und mittelständische Unternehmen ziehen nach! Im Interview berichtet Dr. Stefan Enzler von kulturellen und technischen Herausforderungen in KMU, und von Lösungsansätzen aus dem Forschungsprojekt KMUdigital.

Lesetipp: Mehr Informationen zu KMUdigital und der Rolle von blink.it in diesem Forschungsprojekt haben wir im Artikel KMUdigital: Wie blink.it für die “Weiterbildung 4.0” forscht für dich zusammengefasst.

Im Interview mit blink.it: Stefan Enzler von imu augsburgZur Person: Seit über 25 Jahren beschäftigt sich Dr. Stefan Enzler mit dem ganzheitlichen Kompetenzaufbau von Menschen und gesamten Organisationen durch Coaching, Training, Beratung und Forschung. In seiner Arbeit vereint er individuelles Lernen mit kultureller und struktureller Entwicklung von Organisationen, um die Innovationsfähigkeit und den Erfolg von Unternehmen nachhaltig zu steigern. Dabei nutzt er Blended Learning, um die Wirksamkeit von Lernen und Entwicklung deutlich zu erhöhen.


 Hallo Herr Enzler. Sie haben das Forschungsprojekt “KMUdigital” mit imu augsburg und blink.it ins Leben gerufen. Was ist das Ziel dieses Projekts?

S. Enzler: “Wir arbeiten seit über 25 Jahren mit Unternehmen, insbesondere im Mittelstand. Dabei haben wir festgestellt, dass viele Unternehmen in ihrer Entwicklungskraft nachlassen, sobald die externe Unterstützung durch Trainings und Coachings wieder wegfällt. Unsere Frage war also, wie wir Firmen unterstützen können, dass eine von uns extern angestoßene Entwicklung auch intern nachhaltig stattfinden kann. Daraus entstand der Gedanke, mittelständische Unternehmen mit Hilfe von Blended Learning zu unterstützen, also durch die Vermischung von E-Learning und Präsenzlernen. Bei KMUdigital bilden wir sogenannte integrale Coaches aus: Menschen, die im eigenen Unternehmen angestellt sind und dort dann mit eigenen Coaching-Kompetenzen helfen, solche Projekte intern umzusetzen.”

 Was hat sich in den letzten 25 Jahren in Unternehmen und besonders in der Weiterbildung verändert?

S. Enzler: “Vor 25 Jahren waren Projekte noch planbarer – heute gehen wir viel stärker mit Nichtwissen um. Unternehmen haben eine Vision, aber wie der Weg dorthin aussehen kann verändert sich dauernd oder wird erst während des Gehens herausgefunden.

Dadurch ändert sich auch etwas in den Menschen, die Teil dieser Veränderungen sind: Wissen muss passend zu den neuen Arbeitsmodellen verfügbar sein. Das war früher viel strukturierter: Da gab es einmal im Jahr einen festen Tag für Weiterbildung. An diesem Tag sind die Mitarbeiter in das Seminar gegangen und haben dann eben gelernt – oder oft eben auch nicht.

Heute muss Lernen selbst organisiert werden, meist direkt am Arbeitsplatz. Und hier setzt dann der große Vorteil von E-Learning an: Das Angebot ist da und ich kann es als Mitarbeiter in einem für mich passenden Rhythmus nutzen. Ich werde für meine Entwicklung stärker eigenverantwortlich und muss die Prioritäten selbst setzen. Für viele Menschen ist das ein großer Sprung vom vorstrukturierten zum eigenverantwortlichen Lernen.”

 Die integralen Coaches – die im Rahmen von KMUdigital ausgebildet werden – sollen helfen, E-Learning vor allem in Form von Blended Learning umzusetzen. Aber warum sollten KMU ausgerechnet Blended Learning einsetzen?

S. Enzler: “Ich sehe den Charm von Blended Learning vor allem darin, dass Lernsequenzen, die ich als Lernender einfach nur mal sehen, hören, verstehen muss, aus der festen Struktur “Ich fahre zum Seminar” loslösen kann – hier kommt dann die Eigenverantwortung dazu, das Lernen teilweise selbst zu organisieren. Das ist bei Mitarbeitern aus mittelständischen Unternehmen enorm wichtig: Die Lebens- und Arbeitszeit ist stark verdichtet und entsprechend knapp.

In Präsenztrainings wird dann das Praxislernen gestärkt: Die Präsenzzeiten sind nicht mehr mit Theorie und Wissensvermittlung voll, sondern wirklich spannend. Dort sind die Lernenden dann direkt in der Interaktion.”

Demokurs Blended Learning mit blink.it

Einblick in die blink.it-Lernplattform, die im Forschungsprojekt KMUdigital zum Einsatz kommt. Quelle: blink.it

 Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich in kleinen und mittelständischen Unternehmen bei der Einführung digitaler Weiterbildungsmethoden wie Blended Learning?

S. Enzler: “KMU sind sehr gut darin, die Technologien, mit denen sie an ihren Produkten arbeiten, auch mit der Digitalisierung zu verbinden. Das auf den Menschen zu übertragen – da ist oft noch eine Lücke, die für uns sehr überraschend war: Im privaten Rahmen sind die Mitarbeiter mit dem Smartphone in dieser digitalen Welt unterwegs, schauen Videos und suchen sich aktiv Informationen. Aber auf der Arbeit wird auf Informationen gewartet und die digitale Welt nicht so selbstständig genutzt wie zuhause. Das ist oft das Problem mit der Unternehmenskultur, die bewirkt, dass die Mitarbeiter einen Teil ihrer Fähigkeiten gar nicht nutzen, die eigentlich verfügbar sind.

Oft herrscht noch die Denkweise vor “Wenn ich nur in den Computer schaue, bin ich nicht produktiv!” Für Führungskräfte, die zumeist mit einem eigenen Rechner in ihren Einzelbüros sitzen, ist das normaler. Aber auf der Ebene von Schichtleitern oder Produktionsmitarbeitern ist das ein starker kultureller Bruch, während der Arbeitszeit zum Lernen den Arbeitsplatz zu verlassen. Dass diese Vorgänge in den Teams “erlaubbar” sind, braucht vor allem eine kulturelle Veränderung. Da gibt es auch viele Hürden: Beispielsweise, dass die Smartphone-Nutzung am Arbeitsplatz oft nicht erlaubt ist.

Dazu braucht es dann auch eine technische Revolution. Oft ist in den Unternehmen selbst dann zwar ein Rechner da, aber der Standort in keiner passenden Lernumgebung und in Summe sind es zu wenige Geräte für die Mitarbeiter. Es fehlt häufig die Infrastruktur, damit das digitale Lernen auch flüssig umgesetzt werden kann.“

 Die kulturelle und technische Infrastruktur ist bei KMU also häufig nicht gut ausgebaut. Wie können sie diese Probleme lösen, um überhaupt eine Basis für Blended Learning herzustellen?

S. Enzler: “Als ersten großen Schlüssel, damit digitales Lernen in KMU auf mehr Akzeptanz stößt, sehe ich die Bildung von Lernteams. Das hat in KMU eine doppelte Funktion: Erstens erhöht das die Motivation der Mitarbeiter, bei einem selbstgesteuerten Online-Kurs auch wirklich dran zu bleiben. Auf der zweiten Ebene hat das den Vorteil, dass die Mitarbeiter in den Lernteams direkt reflektieren. Das hat einen sozialen Effekt, das Gelernte in Interaktion in eine gemeinsame Sprache zu fassen.

Teilweise löst dies auch das Problem der technischen Infrastruktur: In vielen KMU sind Computer und Monitore eher in abgegrenzten Bereichen, etwas entfernt vom eigentlichen Arbeits- oder Produktionsplatz. So können die Mitarbeiter in Lernteams gemeinsam einen abgegrenzten Ort zum Lernen aufsuchen.

Eine zweite Lösung, die wir für das technische Problem mit einführen: Es sollten zumindest ein paar Tablets vorhanden sein. Diese können in vielen KMU auch eine Multifunktions-Nutzung haben und werden nicht alleinig für die Weiterbildung angeschafft: Beispielsweise können die Tablets direkt am Produktionsplatz noch als Scanner genutzt werden, aber außerhalb dann auch für Lernsequenzen.

Ein dritter großer Hebel – um die Barriere zum E-Learning abzubauen – ist, die Mitarbeiter selbst anzuleiten, eigene Videos für die Lerneinheiten zu drehen. Und zwar über spezielle, praxisnahe Themen, wie beispielsweise die Bedienung einer bestimmten Maschine. Mit dem verfügbaren Tablet können die Mitarbeiter selbst Videos aufnehmen und dann im Online-Kurs an andere Kollegen weitergeben. Das hat zweierlei Nutzen: Erstens ist es total witzig, weil da bekannte Gesichter in den Videos auftauchen. Zweitens setzt es die Hemmschwelle herunter, sich zum Lernen an den Bildschirm oder das Tablet zu setzen: Wenn die Inhalte von Mitarbeitern für Mitarbeiter erstellt werden, ist das gleich normaler.”

Tablets ermöglichen als multifunktionale Helfer in KMU das Lernen direkt am Arbeitsplatz.

Tablets ermöglichen als multifunktionale Helfer in KMU das Lernen direkt am Arbeitsplatz.

 Videos scheinen hier ein wichtiger Schlüsselpunkt zu sein. Wie wichtig sind Videos aus Ihrer Sicht in der digitalen Weiterbildung für KMU?

S. Enzler: “Ich sehe, dass es zunehmend zu DEM wichtigsten Medium wird. Gerade auch, wenn ich die jüngere Generation beobachte. Aber auch bei mir selbst sehe ich diese Tendenz: Lieber ein kurzes Videos anzuschauen, bevor ich etwas lese – sofern es die Situation hergibt, ein Video mit Ton anzusehen.

Videos überwinden den Widerstand in KMU, digitale Kompetenzen zu nutzen: Wenn Mitarbeiter eigene Videos aufnehmen, werden Videos zum Teil der Kommunikation, dann Teil des Lernens und anschließend Teil der Unternehmenskultur. Und dafür müssen spätestens dann auch Hardware-Defizite nachgerüstet werden, um die Videos anschauen zu können.”

 Mit Blended Learning und Videos führt das KMUdigital Projekt die Unternehmen also an digitales Lernen und eine neue Firmenkultur heran. Warum habt ihr euch als Tool dafür für blink.it entschieden?

S. Enzler: “Was mir an blink.it sehr sympathisch ist und was mich bewogen hat, das als Schlüsselelement für KMU zu sehen: Es ist einfach und funktioniert zuverlässig. Gerade bei KMU ist das schlechteste, was wir hätten machen können, die Mitarbeiter mit Komplexität zu erschlagen. Mit blink.it bestand diese Gefahr nicht: Auch ein Mitarbeiter, der sich nur kurz damit auseinandersetzt, kann es sofort bedienen.

Einfachheit ist aus meiner Sicht ein Teil der Lösung für das Akzeptanzproblem in KMU. Gemeinsam mit dieser starken Beteiligung der Mitarbeiter und dem gemeinschaftlichen Lernen leistet blink.it als einfache Plattform da einen wertvollen Beitrag für das Projekt. Diese Einfachheit macht blink.it zu einem besonders geeigneten Tool für mittelständische Unternehmen. Und im Laufe der Projekte arbeiten wir gemeinsam daran, das Tool genau für diesen Zweck noch weiter zu verbessern.”

Vielen Dank für diese spannenden Einblicke!


Zusammenfassung: Herausforderungen und Lösungsansätze für Blended Learning in KMU

Herausforderung 1: Unternehmenskultur blockiert Kompetenzen der Mitarbeiter

Lösungsansätze:

  • Bildung von Lernteams für gegenseitige Motivation
  • Einführung von Lernzeiten während der Arbeitszeit
  • Mitarbeiter nehmen selbst Videos für den Online-Kurs auf
  • Einsatz eines möglichst einfach zu bedienenden Lerntools
  • Alte Lernstrukturen durch Online-Präsenz-Kombination aufbrechen

Herausforderung 2: Technische Infrastruktur ist nicht ausreichend ausgebaut

Lösungsansätze:

  • Gemeinsame Nutzung von Geräten in Lernteams
  • Bereitstellung von Tablets als multifunktionale Unterstützung
  • Ausbau der Wiedergabegeräte vor allem für Video-Inhalte (Bild & Ton)
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